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Aus
vielen Wildfrüchten lassen sich wilde, raffinierte und natürlich leckere
Marmeladen herstellen. Die Herstellung ist einfach: Die Früchte werden
zerkleinert, und mit Gelierzucker versetzt. Gelierzucker enthält Zucker,
Pektin und etwas Säure. Als Alternative zum Gelierzucker kann man diese
Zutaten auch einzeln verwenden (Pektin findet man zum Beispiel unter dem
Handelsnamen "Gelfix" im Handel).
Nach Zugabe des Gelierzuckers wird das
Fruchtmus gekocht. Meist findet sich auf der Packung des jeweils
verwendeten Gelierzuckers ein Hinweis, wie lange gekocht werden soll. Ist
die Zeit verstrichen, wird ein wenig Marmelade auf einen kalten Teller
getropft. Wird die Marmelade fest, so reichte die Kochdauer aus, und die
heiße Marmelade kann in Gläser gefüllt werden. Sehr praktisch sind Twist-off-Gläser, diese sollten
vor der Benutzung auf rund 80°C im Backofen erhitzt werden. Bei dieser
Temperatur sterben viele unerwünschten Keime ab. Um Glasbruch zu
verhindern sollte die Marmelade direkt in die heißen Gläser gefüllt
werden..
Gelees enthalten keine Fruchtstücke.
Zur Herstellung von Gelee werden keine ganzen Früchte, es wird Fruchtsaft
verwendet. Zur Saftgewinnung können zum Beispiel Entsafter oder die
bei der Weinbereitung üblichen Handpressbeutel verwendet werden. Zur
Erhöhung der Saftausbeute kann Anitgel verwendet werden. Aber Achtung:
Antigel spaltet Pektin, und wie wir noch sehen werden, wird Pektin für die
Gelierung der Marmelade benötigt. Falls sie Antigel verwenden, muss das
Enzym erst inaktiviert werden, bevor weiteres Pektin zugegeben wird. Dazu
muss der mit Anigel behandelte Saft erst aufgekocht werden, erst dann darf
Gelierzucker zugegeben werden.
Eigentlich ist die Marmeladen- und
Geleeherstellung ganz einfach. Aber was passiert eigentlich beim Kochen,
und warum wird Marmelade fest?
Begrifflichkeiten
Laut EU-Verordnung darf der Begriff
"Marmelade" nur noch für Produkte aus Zitrusfrüchten verwendet werden.
Grund hierfür: Im englischsprachigen Raum wird "marmelade" für ein Produkt
aus Orangen verwendet. Produkte aus anderen Früchten werden korrekt als
"Konfitüre" bezeichnet. Produkte ohne Fruchtstücke werden aus Fruchtsäften
hergestellt und werden als Gelees bezeichnet.
Ich gestehe, dass mir der Begriff "Konfitüre"
nicht so leicht über die Lippen kommt wie "Marmelade". Wir verwenden den
Begriff "Marmelade" deshalb weiterhin, auch wenn das streng genommen
falsch ist.
Warum wird die Marmelade fest?
Achtung, jetzt wird es etwas
"chemisch".
Das Geheimnis liegt im Gelierzucker:
Dieser enthält neben Zucker auch Pektin. Dem Hobbywinzer ist das Pektin
wohl bekannt: Es handelt sich um ein Polysaccharid ("Mehrfachzucker"), das
aus a-1,4-glykosidisch
verbundenen D-Galakturonsäureeinheiten besteht. Diese
Galakturonsäureketten können modifiziert sein, wobei sich die exakte
chemische Struktur und damit die physikalischen Eigenschaften des Pektins
je nach pflanzlicher Herkunft voneinander unterscheiden kann. Pektin kann
vom Menschen nicht verdaut werden und ist als wertvoller Ballaststoff
einzuordnen. Es kommt in allen Früchten vor, aber nicht alle Früchte haben
für die Marmeladenherstellung genug Pektin oder ein gut geeignetes Pektin.
Deshalb ist es sinnvoll, immer Gelierzucker zu verwenden, auch bei
pektinreichen Früchten. Pektin findet in der Lebensmittelindustrie nicht
nur bei der Marmeladenherstellung Verwendung, es wird vielen Lebensmitteln
(zum Beispiel Joghurt, Ketchup, Tortenguss) als Verdickungs- und
Bindemittel zugesetzt und trägt die Zulassungsnummer "E440".
Bei der Marmeladenherstellung kommt es
zu einer Gelbildung ("Gelierung", wenn die Pektinketten miteinander in
Verbindung treten und ein dreidimensionales Netzwerk ausbilden, in dem die
Flüssigkeit regelrecht gefangen ist. Bestens geeignet für die
Marmeladenherstellung ist Pektin, bei dem viele Carboxylgruppen der
Galakturonsäureeinheiten mit Methanol verestert sind. Man spricht hierbei
von so genannten "hochverestertem" Pektin. Abbildung W5.1 zeigt
schematisch zwei wechselwirkende Pektinketten, Methylgruppen sind in
dieser Abbildung grün dargestellt. Zwischen den Methylgruppen
verschiedener Pektinstränge kann es zu hydrophoben Wechselwirkungen kommen: In Gegenwart
des polaren Lösungsmittels Wasser werden die hydrophoben Methylgruppen
förmlich gezwungen, sich zusammen zu lagern, um dem Wasser eine möglichst
kleine Oberfläche zu bieten. Zwischen Carboxyl- und Hydroxylgruppen
benachbarter Pektinstränge können sich Wasserstoffbrücken ausbilden,
welche die Stränge ebenfalls zusammenhalten. Durch diese Kräfte, die die
Pektinketten zusammen halten, ist die Ausbildung des Pektinnetzwerkes
überhaupt erst möglich.
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Abb.
W5.1: Interaktionen von zwei
Pektinketten (schwarz) durch hydrophobe Wechselwirkung zwischen
Methylgruppen (grün) und durch H-Brückenbildung (blau). Dissoziierte Carboxylgruppen (rot)
tragen Ladungen und bewirken bewirken eine Abstoßung. |
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Damit sich dieses Netzwerk ausbilden kann, müssen
zwei Voraussetzungen gegeben sein. Zunächst dürfen die Carboxylgruppen der
Galakturonsäure keine Protonen abspalten, also nicht dissoziieren.
Dies hätte eine negative Ladung der Pektinketten zur Folge, und da sich
gleiche Ladungen abstoßen würde dies der Vernetzung entgegen wirken.
Pektin geliert deshalb nur, wenn bereits ein Protonenüberschuss vorliegt,
der der Dissoziation der Carboxylgruppen entgegen wirkt. Marmelade geliert
deshalb nur bei niedrigem pH (pH<3,5). Da nicht alle Früchte ausreichend
Säure mitbringen, enthält Gelierzucker zusätzlich zum Pektin noch
Zitronen- oder Weinsäure. Die zweite Voraussetzung ist ein hoher
Zuckergehalt. Zucker bildet, wie alle in Wasser gelösten Stoffe, eine
Hydrathülle aus. Salopp gesagt: Zucker bindet Wassermoleküle. Die Hydrathüllen
der Pektinketten werden dadurch kleiner, wodurch die gegenseitige
Annäherung der Pektinketten überhaupt erst möglich wird.
Notwendig für die Gelierung von hochverestertem
Pektin sind also ein hoher Zuckergehalt sowie ein ausreichender
Säuregehalt bzw. ein ausreichend niedriger pH-Wert. Man spricht deshalb
auch von einer "Säure-Zucker-Gelierung".
Was geschieht beim Kochen der Marmelade?
Durch die Hitzeeinwirkung werden die Fruchtgewebe
aufgelöst und setzen ihre Inhaltsstoffe frei. Der wichtigste Effekt
betrifft das Pektin: Die hochveresterten Pektine mit ihren hydrophoben
Seitenketten sind schwer wasserlöslich. Um sie in Lösung zu bringen muss
die Marmelade aufgekocht werden. Erst dann kommt es zur Gelierung.
Die Hitzebehandlung bewirkt außerdem die Abtötung
von unerwünschten Bakterien und Schimmel. Zusammen mit dem hohen
Zuckergehalt wird so die lange Haltbarkeit der Marmelade erreicht.
Leider bewirkt das Kochen geschmackliche
Veränderungen: Feine Fruchtarmomen werden zerstört, zudem entstehen neue
geschmacksintensive Verbindungen. Die geschmacklichen Veränderungen werden
unter dem Begriff "Kochgeschmack" zusammen gefasst. Eine selbst gemachte
Erdbeermarmelade wird leider nie den wunderbaren, frischen Geschmack einer
reifen Erdbeere einfangen können.
Typisch für die hitzebedingte Aromabildung ist das
Auftreten einer Verbindung namens Hydroxymethylfurfural (HMF), die zum
Beispiel bei der Reaktion von Kohlenhydraten mit Aminosäuren entsteht. Ein
niedriger HMF-Wert ist bei vielen Lebensmitteln ein Qualitätsmerkmal.
Die HMF-Bildung wird durch hohe Temperaturen und bei einem niedrigen
pH-Wert gefördert. Wir haben gesehen, dass beides nötig ist, um die
Gelierung der Marmelade überhaupt in Gang zu bringen. Bei der
Marmeladenherstellung sollte das Ziel sein, die Kochtemperatur und die
Kochdauer so niedrig wie möglich zu halten, damit der Kochgeschmack nicht
unangenehm hervortritt.
Marmelade mit reduziertem Zuckergehalt
Der "klassische" Gelierzucker wird 1:1 gemischt, zu
1 kg Gelierzucker gibt man 1 kg Frucht oder Fruchtsaft. Inzwischen gibt es
einen Trend zu zuckerreduzierten Marmeladen, die mit speziellen
Gelierzuckern im Verhältnis 2:1 oder 3:1 angesetzt werden. Die mit diesen
Gelierzuckern hergestellten Marmeladen halten sich jedoch nicht so lang,
weil die konservierende Wirkung des hohen Zuckergehalts fehlt. Die
Gelierzucker enthalten deshalb oft Konservierungsmittel. Die
"Einmachhilfe" eines bekannten Herstellers enthält zum Beispiel das
Konservierungsmittel Sorbinsäure (siehe auch Kapitel "Zutaten").
Selbst wenn Konservierungsmittel verwendet werden sollten diese Marmeladen
im Kühlschrank aufbewahrt werden.
Marmelade ohne Gelierzucker
Prinzipiell kann man Marmelade natürlich auch ohne
Gelierzucker herstellen, es ist aber nicht ratsam.
Wie bereits erwähnt, enthalten alle Früchte auch
Pektin, allerdings in unterschiedlichen Mengen und Qualitäten. Zucker und
Früchte müssen dann im Verhältnis 1:1 gemischt werden, zudem empfiehlt
sich die Zugabe von Zitronensaft, um den pH-Wert abzusenken. Die bis zum
Einsetzen des Gelierens notwendige Kochzeit wird sich allerdings
erheblich verlängern, wodurch die negativen Folgen des Kochens
entsprechend stärker hervortreten. Einige Marmeladen werden ohne
zusätzliches Pektin niemals ganz fest. Wenn man auf die Pektinzugabe ganz
verzichten will, kann man mit der Zugabe von pektinreichen Äpfeln
experimentieren.
Kaltgerührte Marmelade
Um die optimale Fruchtigkeit zu erhalten, kann man
auf die Hitzebehandlung auch komplett verzichten. Dann kommen spezielle
Verdickungsmittel zum Einsatz, zum Beispiel Johannisbrotkernmehl,
Guarkernmehl oder spezielle Pektine. Da die Verdickungsmittel zum
Verklumpen neigen, werden sie mit dem Zucker gemischt und kommen erst dann
zu den Früchten. Anschließend wird so lange gerührt, bis sich der Zucker
vollständig gelöst hat.
Die so erhaltenen Fruchtaufstriche sind jedoch nicht
lange haltbar, weil die konservierende Hitzebehandlung fehlt. Sie können
im Kühlschrank maximal eine Woche lang aufbewahrt werden. Auch ihre
Konsistenz ist oft eher ungewohnt.
© Dr. Andreas Kranz, Birgit Schmuck 2007
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